Auszug aus dem Buch "Faszination Sri Lanka"
König Kasiyapa I.
War König Kasiyapa wirklich so grausam, wie uns alle Geschichtsschreiber erzählen wollen? Wahr wird wohl sein, dass er seinen Vater, König Dhatusena, bei lebendigem Leib einmauern und so zu Tode kommen ließ. Grausam, fürwahr.
Kasiyapa wollte ganz einfach der Thronfolger sein. Da er aber von einer Nebenfrau abstammte, verwehrte ihm sein Vater diesen Titel und bestimmte, dass sein Halbbruder Maggallana der künftige König werden sollte. Kasiyapa wurde zornig, ließ – wie erwähnt – seinen königlichen Vater einmauern und schlug seinen Halbbruder in die Flucht.
Kasiyapa suchte sich als Königssitz einen besonderen Platz aus: Etwa in der Mitte der Insel, von weither sichtbar, auf einem zweihundert Meter hohen Monolithfelsen. Hier errichtete er einen seiner Paläste, nämlich den, den er während der Regenzeit bewohnte und in den er sich zurückziehen konnte, wenn Gefahr seitens seines heimkehrenden Halbbruders drohte.
Kasiyapa war ein Künstler. Beim Anblick des Monolithfelsen sah er einen Löwen vor sich. An der Nordseite ließ er daher Löwenpranken und ein Löwenhaupt anbauen, die Augen bestanden aus ungeschliffenen, großen Rubinen und verliehen den Löwen einen Ausdruck der Macht. An der Südseite, beim Schwanz des Löwen, ließ Kasiyapa einen Stausee anlegen. Dieser versorgte nicht nur seine Lustgärten und Springbrunnen mit Wasser, sondern auch den auf dem Plateau gelegenen Swimmingpool. Um das Wasser auf die entsprechende Höhe pumpen zu können, ließ er Luftventilatoren einbauen – all das vor zirka 1500 Jahren.
Kasiyapa liebte die Frauen. Er liebte es besonders, wenn seine Dienerinnen ihm morgens frische Blumen brachten. Um die Mädchen auch beim Anstieg zum Felsen beobachten zu können, ließ er eine Spiegelmauer erbauen. Der Anstrich aus Honig, Kalk, Sand und noch immer nicht erforschten weiteren Zutaten glänzt auch heute noch.
Kasiyapa war auch ein begnadeter Maler. Ihn faszinierten die Mädchen, die im Morgennebel den Felsen erklommen und er wollte sie für die Ewigkeit festhalten. Er malte die Schönheiten in Einbuchtungen auf etwa halber Höhe „seines Felsens“. Etwa fünfhundert davon malte er, wie er sie sah: die kunstvollen Frisuren, die schönen Gesichter, die vollen Brüste, die schlanken
Taillen – und den Morgennebel. Nicht einmal mehr zwanzig sind bis zum heutigen Tag erhalten geblieben, aber diese zeugen von der Schönheit seiner Dienerinnen.
Kasiyapa begnügte sich nicht mit einem einzigen Palast. In der Trockenzeit konnte man auch sehr gut unterhalb des Felsens wohnen. Ein zweiter Palast, Lustgärten – ein Wassergarten, ein Steingarten und ein Terrassengarten – wurden an der Westseite angelegt und viele erlauben sich auch heute noch einen Vergleich mit den Hängenden Gärten von Babylon.
Kasiyapa soll auch noch einen dritten Palast angelegt haben, unterirdisch und mit einem Zugang an der Ostseite. Näheres ist ungewiss.
Kasiyapa verweilte achtzehn Jahre in seinem Paradies, dann kam sein Halbbruder zurück. Es kam zum Kampf, jeder hatte seine Gefolgsleute im Hintergrund. Kasiyapa hatte wirklich Pech: Der Elefant, auf dem er ritt, witterte ein Moorloch und drehte um. Seine Soldaten sahen darin das Zeichen zum Rückzug und wendeten ebenfalls. Kasiyapa stand nun alleine dem Heer seines Halbbruders gegenüber und beging in seiner aussichtslosen Lage Selbstmord. Er schnitt sich mit seinem Schwert die Kehle durch, steckte das Schwert wieder in die Scheide – und fiel tot vom Elefanten.
|